Was ist eigentlich "gewaltfrei"? Und schließt dies "gewaltfreie Kommunikation" nicht mit ein?

Bei Wikipedia steht zu Gewaltlosigkeit:

"Gewaltlosigkeit oder Gewaltfreiheit ist ein Prinzip, das Gewalt ablehnt und zu überwinden sucht.

Terminologisch wird gelegentlich zwischen gewaltlos (situativer Gewaltverzicht) und gewaltfrei (prinzipieller Gewaltverzicht) unterschieden. Der Begriff „gewaltfrei“ wurde zuerst 1951 von Nikolaus Koch verwendet (s.u.), verbreitete sich aber erst durch die Publikationen des Politikwissenschaftlers Theodor Ebert Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre.

Gene Sharp unterscheidet 198 Methoden des Vorgehens. [Von der Diktatur zur Demokratie – Ein Leitfaden für die Befreiung. Das Lehrbuch zum gewaltlosen Sturz von Diktaturen, Beck, München 2008, S. 101] Gewaltfreiheit folgt der Überzeugung, dass Gewalt oder deren Androhung Probleme nicht lösen, Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht beseitigen kann. Gewaltlosigkeit ist nicht Wehrlosigkeit, Passivität und Tatenlosigkeit. Konflikte sollen nicht vermieden, sondern durch gewaltfreien Widerstand geregelt werden. Wesentliches Element der Erziehung zur Gewaltfreiheit ist ferner das Erlernen von Methoden der Konfliktbearbeitung, z. B. Gewaltfreie Aktion."

Gewalt schädigt Tiere, Menschen oder Gegenstände durch eine stattfindende Handlung. Während Gegenstände nur physisch Geschädigt werden können, können Tiere und Menschen zusätzliche auch psychisch geschädigt werden. Im soziologischen Sinne ist Gewalt eine Quelle der Macht.

Im Umgang mit den Hunden scheinen viele Hundetrainer ja zumindest öffentlich physische Gewalt abzulehnen und/oder auch tatsächlich nicht anzuwenden. Bei psychischer Gewalt sieht es da leider oft ganz anders aus. Zumindest in der sogenannten gewaltfreien Hundetrainer Szene wird die psychische Gewalt gegenüber dem Hund selbstverständlich auch abgelehnt. Das ist natürlich auch gut so.

Aber mir geht es hier und heute gar nicht um den Umgang mit dem Hund, sondern um den Umgang mit Menschen.

Wie die einzelnen Trainer mit ihren Kunden umgehen, das kann und will ich natürlich nicht beurteilen. Ich gehe aber mal im allgemeinen davon aus, dass weder physische noch psychische Gewalt gegen sie ausgeübt wird. Bei Hundeplätzen habe ich da zu psychischer Gewalt schon anderes gehört.

Aber wie ist denn so der zwischenmenschliche Ton untereinander in der Trainerszene? Wie wird mit anderen Meinungen umgegangen?

Sicherlich bewegen sich die meisten Trainer und Trainerinnen in diversen Foren und Gruppen und bekommen dort einiges mit.

Dort findet ein Hauen und Stechen statt, was man sicherlich nicht als "Gewaltfreie Kommunikation" bezeichnen kann. Es werden Personen Dinge vorgeworfen, die sie vor 10 Jahren oder noch früher mal als These aufgestellt haben. Dass sie ihre Meinung inzwischen geändert haben ist dabei völlig egal. Leider vergisst das Internet nun mal nichts. Wissenschaftlich hat sich aber eben viel getan in den letzten 10 Jahren der Kynologie. Und niemand hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Würde ich von mir behaupten, dass ich immer Recht habe? Außer im Spaß wohl kaum.

Der Umgang und die Beleidigungen, die dort an der Tagesordnung sind, sind nichts anderes als psychische Gewalt. Sich mit aller Macht in den Vordergrund spielen, sich durchsetzen, und das mit allen Mitteln.

Stimmt, dies ist kein Alleinstellungsmerkmal von Hundetrainern, sondern in allen "sozialen Netzwerken" üblich.

Aber ich dachte die "Gewaltfreien Hundetrainer" wollen anders sein? Müssten wir dann nicht in den Netzwerken auch in der Kommunikation eine Vorbildfunktion haben? Ich spreche mich davon nicht frei, dass ich nicht auch schon mal über die Stränge schlage. Aber weniger bei den Hundethemen, als bei Rassismus und anderen Diskriminierungen.

Gehört "Gewaltfreie Kommunikation" nicht zur Gewaltfreiheit?

Mal wieder Wikipedia zur Definition:

"Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein Konzept, das von Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Es soll Menschen ermöglichen, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. GFK kann in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglicht. Manchmal werden auch die Bezeichnungen „Einfühlsame Kommunikation“, „Verbindende Kommunikation“, „Sprache des Herzens“ oder „Giraffensprache“ verwendet."

Wir dürfen bei der Kommunikation über "Soziale Netzwerke" nicht aus den Augen verlieren, dass das geschriebene Wort nicht alles so transportiert, wie ein normales Gespräch. Es fehlt an Gestik, Mimik und vor allem der Ton. Auch sollten wir mal überlegen, ob wir etwas genauso einem Menschen ins Gesicht sagen würden, wie wir es gerade schreiben wollen. Wie würden wir reagieren, wenn wir den Text so bekommen würden? Ist mein Gegenüber psychisch evtl labiler, als ich? Spiele ich dadurch Macht aus? Gerade in einer öffentlichen Gruppe und nicht in einer privaten Kommunikation?

Bin ich in meiner Kommunikation gewaltfrei?

Seien wir ehrlich. Vielen geht es in den "Sozialen Netzwerken" auch um Profilierung und Selbstdarstellung. Auf die Befindlichkeiten von anderen wird dabei nicht geachtet.

Ein bisschen mehr Selbstreflexion könnte uns allen nicht schaden.

Neben der versehentlichen psychischen Gewalt durch Unaufmerksamkeit, gibt es aber auch die, die absichtlich verletzen und beleidigen. Die andere in öffentlichen Texten als Vollpfosten und doof darstellen. Kann man deren öffentliche Positionierung zur Gewaltfreiheit so überhaupt noch ernst nehmen?

Mir persönlich ist es egal, wenn mich jemand auf Facebook einen Idioten nennt. Ander Personen könnten sich dadurch jedoch stark verletzt fühlen. Jeder Mensch ist ein Individuum und reagiert anders darauf. Spätestens wenn man weiß, dass man die andere Person verletzt, oder dies in Kauf nimmt, dann übt man Gewalt aus.

Da ich viel mit Tierschutzhunden arbeite, ist es für mich extrem wichtig, vorurteilsfrei gegenüber den Hunden und deren Haltern/Gassigängern zu sein. Nur so kann ich mir selbst ein genaues Bild von ihnen zu machen.

 

Bis bald

Marcus Liedschulte